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Jannai Flaschberger  war im Frühjahr 2011 in unserem Auftrag im Gebiet Nepal/West als ehrenamtlicher, freiwilliger Helfer.

Nachstehend ein Auszug aus seinem persönlichen, 60 Seiten umfassenden Reisebericht, welchen wir mit seiner Genehmigung veröffentlichen dürfen.
Die ausführliche 
PDF Version gibt es hier.


Hallo,

ich heiße Jannai, bin 20 Jahre alt und habe beschlossen, in der Zeit zwischen Abitur und Studium eine Reise nach Nepal zu unternehmen.

Ich wollte kein weichgespültes Work-and-Travel-Abenteuer in Australien oder Neuseeland, sondern so richtig in eine andere Kultur eintauchen, je intensiver desto besser. Nepal ist mir durch eine Trekkingreise vor drei Jahren in guter Erinnerung geblieben und schien mir ein guter Ort zu sein um mich selbst noch ein bisschen besser kennenzulernen und meinen Horizont zu erweitern.

Um das Land von innen heraus, also nicht als Tourist kennen zu lernen dachte ich an eine Volunteer-Stelle. Nach einer halben Stunde Internetrecherche und drei Telefonaten wusste ich, dass der Verein „Medihimal“ aus München an meiner Hilfe interessiert war. Nach einem Treffen war klar, dass ich an einer von der Organisation unterstützten Dorfschule in Nepal unterrichten und die Bauarbeiten für das neue Schulgebäude begleiten würde.


Unabhängig davon kam mein alpinistisch begeisterter Vater auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte mit ihm gemeinsam in Nepal zwei 6000er zu besteigen. Meine Reise war perfekt.

Ende März 2011 sollte es losgehen, 10 Tage alleine durch das Kumbhu-Gebiet Trekken, 21 Tage mit meinem Vater Bergsteigen, zwei Monate an der Dorfschule helfen.



....bitte lesen Sie bei Interesse die 60-seitige PDF-Version.

jannai an tafelJannai Flaschberger  war im Frühjahr 2011 in unserem Auftrag im Gebiet Nepal/West als ehrenamtlicher, freiwilliger Helfer.

Nachstehend sein ausführlicher Einsatzbericht, eine PDF Version gibt es hier.



Abschlussbericht


über meine Zeit als Volunteer für die Hilfsorganisation medihimal e. V.  München
am Projekt der Shree Marshyangdi Samudayik School von Mai bis Juni 2011



Vorbemerkung

Bei dem beschriebenen Projekt handelt es sich um grundlegende Sanierungsmaßnahmen einer 7-klassigen Schule mit einer Erweiterung durch eine Schulküche.
Das Projekt befindet sich in Nepal in der Western Development Region im Distrikt Tanahu.


Meine Tätigkeit am Projekt
Während meiner Zeit am Projekt war ich sechs Tage die Woche als Englisch- und Science-Lehrer für die 5., 6. und 7. Klasse tätig.

Außerdem habe ich den Baufortschritt beobachtet und (teilweise sehr aktiv) begleitet.

Da ich bei der Familie einer meiner Schüler wohnte bekam ich sehr tiefe Einblicke in das Leben der Community, der Gurung-Kultur und konnte das Schulprojekt auch aus dem Blickwinkel eines Schülers sehen und beurteilen.


Im Folgenden möchte ich genauer auf die einzelnen Aspekte des Projekts eingehen.



Das Bauprojekt


Die Bauarbeiten/Renovierungen gingen für deutsche Verhältnisse schleppend voran. Über jeden Schritt wird innerhalb der Community ausführlich und mit allen Beteiligten beraten, ein Vorgang der schon mal einige Wochen in Anspruch nehmen kann.

Wenn endlich ein Handwerker bestellt ist kommt er nicht, es wird wieder beraten, es kommt ein Feiertag oder ein Generalstreik dazwischen.

In der Zeit, die ich am Projekt war ist bzgl. der Bauarbeiten sehr wenig passiert. Durch mein Drängen gab es Ventilatoren für alle Klassenzimmer (ich habe sie persönlich montiert und angebracht) und Kissen für die Kinder der Nursery.

Der Putz des alten Schulgebäudes besteht aus einer Mischung von Erde und Kuhdung, die nach jedem starken Regen von den Wänden bröckelt. Die Eltern haben in meiner Anwesenheit eben dieses Gemisch von den Wänden entfernt, um dies bei Zeiten durch Zement zu ersetzen.

Die geplante Dachisolierung wird in Form einer Bambus-Zwischendecke realisiert, auf die eine ca. 20 cm dicke Lehmschicht aufgetragen wird. Jedoch muss der Bambus zur richtigen Jahreszeit geschnitten werden um die nötige Festigkeit zu besitzen, deshalb auch hier kein sichtbarer Fortschritt.


Neben diesem Tadel muss man jedoch anmerken, dass mit den finanziellen Ressourcen sehr sparsam und umsichtig umgegangen wird. Sitaram (der Schulleiter) ist sehr darum bemüht das deutsche Geld nur dann einzusetzen, wenn es unbedingt notwendig ist und selbst dann sehr sparsam. Eine Verschwendung oder Vetternwirtschaft zu Lasten Medihimals habe ich zu keinem Zeitpunkt gesehen.


An das von Medihimal vorgelegte Konzept bzgl. der Reihenfolge der Bauphasen hält sich niemand. Allerdings ist das vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die Community die einzelnen Schritte mit den Möglichkeiten ihrer Mitglieder abstimmt. In der Regel werden keine Handwerker bezahlt, sondern die Eltern bzw. Förderer der Schule arbeiten sofern sie Zeit haben gemäß ihres Könnens, unentgeltlich versteht sich.


Ich habe den Eindruck, dass alle Beteiligten des Schulprojektes (auch die Community und die Eltern) sehr bemüht und aufrichtig interessiert daran mitwirken (wollen), das Fundament für nachhaltige Entwicklungshilfe also mehr als gegeben ist.

Wenn es länger dauert als im deutschen Zeitplan erdacht ist es zwar ärgerlich für die Kinder, de facto aber kein wirkliches Problem für das Projekt.



Die Einbeziehung der Eltern


Eine Einbeziehung der Eltern in den Schulalltag nach deutschem Vorbild (Elternabende usw.) ist schwer realisierbar. Die meisten Eltern sind selbst nie zur Schule gegangen, ihnen fehlt also das Verständnis bzgl. Lehrmethoden, Noten etc.

Da die Schule um einiges weniger förmlich geführt wird als ihre deutschen Äquivalente können die Eltern, die sich trotzdem für die oben genannten Punkte interessieren oder Fragen haben jedoch einfach während des Unterrichts in die Schule kommen und mit dem zuständigen Lehrer sprechen.


Hinsichtlich der die Schule betreffenden Entscheidungen sind die Eltern sehr gut eingebunden.

Sind wichtige Dinge zu beschließen (z.B. die Art und Weise der Dachisolierung) wird dies erst im Kreise des Schulrats (Community-Funktionäre, (Ex-)Eltern, die sich sehr für die Schule eingesetzt haben und zwei Schüler) diskutiert und beschlossen.

Danach versammeln sich alle Eltern. Der Sachverhalt wird geschildert, die versammelten können die Entscheidung des Schulrats in einem plebiszitären Akt verabschieden, blockieren oder abändern.


Ich bin überzeugt, dass dies (abgesehen von der enormen Zeitspanne zwischen Idee und Beschluss) ein vorbildliches und optimales System zur Beteiligung der Eltern am Schulgeschehen ist.




Beobachtungen der Lehrkörper


Die Lehrer sind generell bemüht und interessieren sich für die Kinder. Die Arbeitsmoral ist jedoch sehr südländisch, d.h. wenn es mal wieder besonders heiß ist bekommen die Schüler eine kurze Übung, der entsprechende Lehrer sitzt für den Rest der Stunde draußen im Schatten. Oder angefallener Papierkram wird nicht in den Pausen/Freistunden/nach der Schule erledigt, sondern statt Unterrichtsstunden. Auch die Anwesenheit ist ein Problem, es ist kaum ein Tag vergangen, an dem nicht mindestens ein Lehrer fehlte.

Ich habe diese Eindrücke dem Direktor geschildert, denke aber, dass wir uns ansonsten heraushalten sollten. Andere Länder, andere Sitten.


Sitaram (Direktor) ist hingebungsvoll um die Schule bemüht. Auch seine Fachkenntnisse scheinen sehr gut zu sein, bei einer sechstätigen Direktor-Schulung des Bildungsministeriums war er einer der besten.
Das Ministerium hat der Schule als einziger im Distrikt 35 000 Rps. (350 €) Fördermittel spendiert, Sitarams Persönlichkeit war der Auslöser.


Leider ist er in vielen anderen Dingen involviert (Volkszählung usw.) und deshalb oft nicht in der Schule, vielleicht kann man anregen, dass er für das Bauprojekt gewisse Kompetenzen abgibt.



Wie werde ich Volunteer?


Am Projekt wurde ich unzählige Male gebeten, andere Interessierte an die Schule zu vermitteln. Auch ich hatte den Eindruck, dass sich meine Anwesenheit (besonders als Lehrer) sehr positiv auf die Schüler auswirkte.

Aus diesem Grund möchte ich hier genauer auf die Anforderungen an einen Volunteer und die damit verbundenen Vorzüge eingehen, in der Hoffnung, dass sich möglichst viele Menschen dazu entschließen dieses Abenteuer zu wagen.

Dinge die man mitbringen sollte sind vor allem Selbstständigkeit, Flexibilität und Abenteuerlust.

Nepal ist ein von inneren Krisen gebeuteltes Entwicklungsland, das darf man nicht vergessen. Da Medihimal eine mit der UN vergleichbare Infrastruktur nicht bieten kann ist man am Projekt trotz liebevoller Fürsorge seitens der Nepalesen hauptsächlich auf sich allein gestellt, einen Zustand den man mögen muss.

Auch eine allgemeine Flexibilität ist wichtig, um sich in Nepal zurechtzufinden und wohl­zufühlen. Deutsche Vorstellungen bezüglich Luxus, Sauberkeit, Zuverlässigkeit und anderen in unserer Kultur selbstverständlichen Dingen sollte man loslassen können.

Um wirklich tief in die kulturelle und landschaftliche Schönheit Nepals eintauchen zu können ist auch eine ordentliche Portion Abenteuerlust vonnöten. Das Land ist abgesehen von den Touristenhochburgen fast nicht erschlossen, um die wirklich großartigen Dinge zu erleben muss man selbst entdecken wollen.


Hat man sich auf diese Dinge eingestellt wird man mit der Möglichkeit für vielfältige, unglaublich schöne und prägende Erfahrungen belohnt.

Da man als Volunteer für eine längere Zeit vor Ort ist wird man schnell als aktiver Teil der Gesell­schaft akzeptiert und darf die offenen und warmherzigen Menschen in ihrer Tiefe kennenlernen. Auch die reiche Kultur Nepals erschließt sich einem ganz natürlich, wenn man als Freund die Dorf- und Tempelfeste besucht.

Die für mich wertvollste Erfahrung war das Lehren an der Schule, der enge Kontakt mit den Schülern und das Gefühl wirklich etwas bewirken zu können. Da ich allein am Projekt war hatte ich eine enorme "gestalterische Freiheit" und konnte mich einbringen wo und wann ich wollte.


Eine Zeit als Volunteer in Nepal ist nicht nur eine nachhaltige Form der Entwicklungshilfe für das Land, sondern auch eine einzigartige Erfahrung für den Helfer selbst, die ich jedem der Zeit und Interesse hat ans Herz legen möchte.



Hinweis des Projektmanagers:
Die folgenden Bemerkungen von Jannai beziehen sich auf die im Projektantrag unter „Ausblick“ notierten „Ideen zur praktizierten Hilfe zur Selbsthilfe“.
Es sind Gedanken, wie sich die Schule nach der Beendigung des Projektes und damit Wegfall der Unterstützungsleistungen durch medihimal weiter finanzieren lässt bzw. wie für unsere Schulabgänger und insgesamt für die Menschen vor Ort Ausbildungs- und Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.



Beschäftigung für die Schulabgänger

1. Hotel/Lodge für Tourisen:

schlechte Idee. Es gibt so viele schönere, schon erschlossene Orte in der Nähe (z.B. Bandipur). Baradi hat keine feste Telefon/Internetanbindung, nach jedem ordentlichen Regen fällt der Strom für 8-24 Stunden aus. Und dann wäre da noch der lärmende Highway...


2. Kurze Trekkingtouren mit Homestays in den Bergdörfern über Baradi:

Sicherlich eine gute Option. Ein zuverlässiger Guide mit guten Englischkenntnissen und Trekkingerfahrung lebt in Baradi (Raju). Allerdings bräuchte man Kontakt zu Reisebüros. Und ich weiß nicht, wie man bei diesem Projekt Schulabgänger beschäftigen kann (Englischkenntnisse reichen nicht).
Mögliche Tour: Bandipur - Hillekarka – Baradi


3. Öko-Farm, 40 Gehminuten von Baradi entfernt:

Habe einen Deutschen getroffen, der dort eine Zeit geholfen hat. Die Farm produziert Kräuter und diverse andere Güter in Demeter-Bioqualität, Abnehmer und Förderer ist eine Deutsche Organisation, in Kathmandu existiert ein Büro.



Folgende Idee kam mir in den Sinn:

Startet ein eigenes Öko-Farm-Projekt! Das Klima in Baradi ist sehr günstig, die Fläche ist laut eines Community-Funktionärs leicht und günstig zu bekommen.

Der Clou liegt darin, sehr hochwertige Produkte anzubauen (Bio / Fairtrade Siegel) und vor Ort zu verarbeiten.

Wenn man einen Abnehmer in Deutschland findet, der einen Festpreis zahlt ist der Deal perfekt. Und ich bin sicher, dass auch im Direktvertrieb (Tollwood, Freunde und Freundesfreunde von Medihimal) gute Möglichkeiten bestehen.

Wird das Ganze zu groß wird es schwierig, 10 Leute lassen sich aber sicher beschäftigen.

Vorstellbare Produkte wären z.B. Trockenfrüchte, Räucherstäbchen, Gewürze, Heilkräuter, raffinierte Süßigkeiten, Popcorn, Postkarten aus getrockneten Blüten, Chutneys, Pickles, Brotaufstriche. Das Sortiment ließe sich nach Belieben erweitern, so dass man zu jeder Jahreszeit eine Beschäftigung findet.


Mit den Kontakten Amirs, Sitarams und der Community ließe sich sicherlich auch der Zukauf benötigter Zutaten innerhalb Nepals realisieren.

Vorteile des Projekts sind:

- relative Unabhängigkeit von der politischen Situation (Instabilität, Streiks, Unruhen, ...)

- relative Unabhängigkeit von der infrastrukturellen Situation (Stromausfälle, ...)

- überschaubare Investitionskosten

- durchgängige Beschäftigung bei intelligenter Arbeitseinteilung möglich



Nachteile sind:

- eventuelle Probleme mit EU-Einfuhrbeschränkungen

- weiter Transportweg

- ein vertrauenswürdiger Vorarbeiter wird benötigt: die Leute in Baradi haben keine Ahnung was es bedeutet nach westlichen Maßstäben zuverlässig bzw. gewissenhaft zu arbeiten. Es wird definitiv eine Person benötigt, die sich damit auskennt und einen Betrieb dementsprechend leitet. (Raju wäre geeignet und interessiert).

Das Vertriebskonzept sollte auf Klasse statt Masse ausgelegt sein, um sich dem normalen Marktpreis zu entziehen, d. h. sehr hochwertig und "etwas Besonderes".

Nachdem die Löhne in Nepal sehr gering sind, sich die Transportkosten in Grenzen halten, diverse Zwischenhändler entfallen und (nach deutschen Maßstäben) kein nennenswerter Gewinn erwirtschaftet werden muss könnte sich die Farm sehr gut selber tragen.

Wichtig ist nur, dass Medihimal oder eine Partnerorganisation die Schirmherrschaft übernimmt, damit nicht, wenn der Abnehmer in Deutschland spontan abspringt, die Farm auf ihren Produkten sitzen bleibt.



Nachtrag

Für diesen Abschlussbericht wurde der Originaltext übernommen und in der PDF Ausgabe zusätzlich grafisch aufbereitet und mit Bildmaterial versehen.
Bis auf die Vorbemerkung, den Hinweiskommentar und diesen Nachtrag wurden keine Korrekturen, d. h. Ergänzungen oder Streichungen vorgenommen.



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